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25.07.2018 - „Ferien inklusiv und Klimaschutz“ - Sommercamp als Leuchtturmprojekt

„Warum kann Tim nicht richtig sprechen?!“ – Die Frage kommt von Marleen. Sie sitzt am Basteltisch im rustikalen Gartenbauhaus und guckt ihrem Tischnachbarn Tim fest in die Augen.  Elisabeth, eine der Betreuerinnen im Feriencamp, beantwortet ihre Frage. Tim habe von Geburt an eine schwächere Mundmuskulatur, darum falle ihm das Sprechen schwer. Damit hat sich die Sache für Marleen erledigt. Man müsse ja auch gar nicht so viel miteinander mit Worten sprechen, bekundet die Zehnjährige. Im Urlaub im Ausland mit Mama und Papa habe sie doch gelernt, sich mit den anderen Mädchen und Jungs mit Händen und Füßen zu „unterhalten“. Das habe sehr gut funktioniert. So unkompliziert wie Marleen sehen das viele Ferienkinder im Sommercamp in der Freien Martinsschule in Laatzen. Gemeinsam entdecken Kids mit und ohne Beeinträchtigungen die Welt der Freizeit „Ferien inklusiv und Klimaschutz“. Ein Premierenprojekt der Vereine Aktiv DabeiSein und Down Syndrom Hannover.

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Inklusion in der Ferienbetreuung ist in Deutschland immer noch eine Seltenheit. Doch in Hannover und Region haben sich engagierte Ehrenamtliche aus den verantwortlichen Vereinen gemeinsam mit der Freien Martinsschule auf den Weg gemacht, um diese eigentliche Selbstverständlichkeit auch zum selbstverständlichen Angebot zu machen. Bundesministerin Ursula von der Leyen ist Schirmherrin des Ferienprojekts, das es ebenfalls ins FerienCard-Programm der Stadt Hannover geschafft hat. "Inklusion hört nicht nach dem Unterricht auf.“ Sie sei davon überzeugt, dass Inklusion gelingen könne, wenn die Bedingungen stimmen würden. Beim Ferienprojekt der hannoverschen Vereine und der Elterngruppe werde auf spielerische Art der Zusammenhalt zwischen den Kindern gestärkt. Die Mädchen und Jungen könnten sich mit all ihren Unterschiedlichkeiten besser kennen und achten lernen. Unterstützt wird das Projekt von der Region und der Stadt Hannover, von der BINGO Umweltstiftung, der Stiftung der Sparda Bank Hannover, der Aktion Mensch, der Edeka und der TUI Stiftung sowie vom Reit- und Therapieverein Hemmingen.

Die Vorgaben und das Ziel einer flächendeckenden inklusiven Bildung sind nicht nur menschenrechtlich gefordert, sondern entsprechen auch den Werten einer solidarischen und demokratischen Gesellschaft. Kinder mit und ohne Behinderung haben das Recht, gemeinsam ihren Weg zu gehen. Die notwenige Unterstützung muss ihnen gewährt werden. Jetzt. So schreibt es Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention vor. Leider fehlt manchmal es genau an dieser Unterstützung. Der US-amerikanischer Psychologe Julian Rappaport sagte einmal: „Rechte ohne Ressourcen zu besitzen ist ein grausamer Scherz!“.

„Im Bereich der Umweltbildung ist die inklusive Initiative einzigartig und schafft neue Wege, die junge Generation für das Thema Klimaschutz zu sensibilisieren“, sagt Projektleiterin Sabine Buntrock. Die Vorgaben und das Ziel einer flächendeckenden inklusiven Bildung seien nicht nur menschenrechtlich gefordert, sondern entsprächen wie die Umweltbildung den Werten einer solidarischen und demokratischen Gesellschaft. „Kinder mit und ohne Behinderung haben das Recht, gemeinsam ihren Weg zu gehen.“
Das Projekt soll zur Leuchtturm-Initiative avancieren. Insgesamt 24 Betreuer und Teamer, drei Gruppenleiter sowie mehrere Experten als Dozenten sind bei der „Ferienbetreuung inklusiv und Klimaschutz“ aktiv. Regelschüler und Schüler mit speziellem Förderbedarf treffen sich bei dem Sommerferienprojekt, um gemeinsam die Umwelt zu entdecken und soziales Miteinander zu erfahren.  Die Initiatoren wollen Erfahrungen zwischen behinderten und nichtbehinderten Kindern fördern, um Berührungsängste abzubauen. In gemischten Gruppen werden sie an komplexe Fragestellungen zu Klimaschutzthemen herangeführt. Das erfordert von allen Kindern Reflexionsfähigkeit und vorausschauendes Denken. Da die Schüler mit besonderem Förderbedarf meist in der Kommunikation eingeschränkt sind, müssen sich die Kinder bei der Lösung ihrer Gruppenaufgaben andere Wege suchen, um miteinander agieren zu können. Inklusion und Klimaschutz über ein Ferienprojekt erlebbar machen – das ist die Idee der Organisatoren.

Die Mädchen und Jungen gehen dabei auf eine Entdeckungsreise durch die Welt der spannenden Künste. Greg Perrineau, BIG G, der in den 70ern gigantische Erfolge mit der Band „Eruption“ feierte, trommelt fürs Projekt – gemeinsam mit den Kids, versteht sich. Sie erleben beispielweise Umwelttänze mit der Tanzpädagogin Sabine Krauthäuser und lernen durch Bewegung die Bedeutung des Umweltschutzes kennen – auf unterschiedliche Art und Weise. Umweltbilder auf und neben dem Körper präsentiert Jörg Düsterwald, der zeigt, mit welchen Techniken sich Natur erfassen lässt. Über das Mittel der Kunst kann jedes Kind auf seinem eigenen Niveau das Thema Klimaschutz (er-)leben. Bei Müllsammelaktionen entstehen Kunstwerke mit Abfall – und das Ganze wird von Fotokünstler Andreas Stahl im Bild festgehalten.  Die Kinder lernen, wie sich Abfall vermeiden oder wiederverwerten lässt. Auf spielerische Art und Weise. Und im Körper-Wahrnehmungskurs mit Yusuf Arslan entdecken sie ihren Körper und damit das  Gefühl dafür, auf den selbigen zu achten.

Ideale Bedingungen für die inklusiven Erlebnisferien im Zeichen des Klimaschutzes bietet die Freie Martinsschule mit Mensa, Spiel- und Sportplatz sowie Remise, Gartenbauhaus und Erlebnisgarten. Die Stärke des Projekts ist der Mix aus sportbezogenem Know-how und heilpädagogischer Expertise der Gruppenleiter. Jede Gruppe wird von geschulten Trainern und Ehrenamtlichen begleitet. Inklusion, so die Vision der Projektverantwortlichen, soll selbstverständlich werden. Ein Prinzip, das der Down-Syndrom Verein Hannover und der hannoversche Verein Aktiv DabeiSein selbst längst leben. Auch in den Vereinen agieren Menschen mit und ohne Behinderung zusammen.
Die Organisatoren legen ein großes Augenmerk darauf, dass die Kinder sich wohl fühlen und sich vom schulischen und privaten Stress erholen können. Ferien als Urlaub vom Alltag bedeutet des Weiteren, dass – trotz aller Regeln bei dem Projekt - den Kindern sehr viele Freiräume ermöglicht werden. Partizipation - also die Mitwirkung an Entscheidungsprozessen - ist eine Kernaufgabe bei den Aktionen. Kinder und Jugendliche mit Behinderung(en) leben im Vergleich zu anderen Kindern nach wie vor sehr häufig in gesellschaftlich geschaffenen Parallelwelten. Eine Begegnung findet in der Regel kaum statt. „Ferien inklusiv und Klimaschutz“ versteht sich als Ort der Begegnung, des Austausches, des Entdeckens von Gemeinsamkeiten - entsprechend der Mottos "Man kann verschieden normal sein." - "Es ist normal verschieden zu sein". Im gemeinschaftlichen Kontext geht es unter anderem darum, Empathie für andere zu entwickeln, die Individualität anderer anzuerkennen, kulturspezifische Normen und Rollenstrukturen zu erkennen, demokratische Konfliktbewältigung einzuüben, die Aufmerksamkeit für die Möglichkeiten gegenseitiger Bereicherung zu sensibilisieren. Für Marleen ist es viel einfacher: „Das Feriencamp ist toll, wir verstehen uns alle prima - und ich habe viele neue Freunde gewonnen.“

 

Presse:

http://www.neuepresse.de

https://mensch-city.blog

http://www.ferien-inklusiv.de

 

18.03.2018 -„Eine der schlimmsten Formen der Diskriminierung!“

Down-Syndrom Verein Hannover beklagt Ungleichbehandlung beim Abtreibungsgesetz „Ich will nicht abgetrieben werden“, sagte Natalie Dedreux, „ich will auf der Welt bleiben“. Die aufrüttelnden Worte in der Wahlarena der ARD-Arena 2017 berührten wohl Millionen Fernsehzuschauer - und auch Angela Merkel. Die Kanzlerin wurde von einer jungen Journalistin mit Down-Syndrom auf eine grundlegende Diskriminierung von ungeborenen Kindern mit Behinderung im Mutterleib hingewiesen. Wird beim ungeborenen Kind eine Behinderung diagnostiziert, ist eine Abtreibung aufgrund der medizinischen Indikation in Deutschland straffrei. Ein zeitliches Limit gibt es dafür nicht, sie ist theoretisch bis zum neunten Monat möglich, ohne dass man sich strafbar macht. Zum bevorstehenden Welt-Down-Syndrom-Tag am 21. März erinnert der Verein Down-Syndrom Hannover an diese Ungleichbehandlung. In einem offenen Brief an die Familienministerin Dr. Franziska Giffey beklagt der Verein den Abtreibungsautomatismus in Deutschland: „Wird durch vorgeburtliche Untersuchungen Trisomie 21 festgestellt, ist fast immer ein Schwangerschaftsabbruch die Folge“, resümiert Tanja Zurek, Vorsitzende des Down-Syndrom Vereins, nüchtern. Sie fordert daher eine umfassende Beratung für Eltern, die vor eine solch schwierige Entscheidung über Leben und Tod gestellt werden. Wer sich für das Menschenrecht auf Leben einsetze, gehe keinen religiösen oder christlichen Sonderweg, sondern er stehe auf dem Boden des Grundgesetzes. Die Tötung behinderter Menschen im Mutterleib bis kurz vor der Geburt sei eine der schlimmsten Formen der Diskriminierung. „Der Begriff der guten Hoffnung hat keine Chance mehr, die Schwangerschaft ist zu einer Kultur der Selektion geworden!“

Was hierzulande kaum bekannt ist: Die derzeitige Gesetzeslage erlaubt im Fall des Down-Syndroms eine Abtreibung zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft, auch die Tötung von lebensfähigen Föten. Die Eltern sind nicht verpflichtet, sich über die Entwicklungschancen ihres Kindes beraten zu lassen. „In aller Regel wird ihnen nicht mal ein solches Angebot gemacht“, beklagt Zurek. Der Down-Syndrom Verein Hannover fordert in seinem Brief an Giffey eine Gesetzesänderung: Kinder im Mutterleib – ob und mit oder ohne Behinderung - haben ein Recht auf Gleichbehandlung. Die Spätabtreibung dürfe deshalb auch bei diagnostizierter Beeinträchtigung nicht möglich sein und müsse so bestraft werden, wie bei Kindern ohne festgestellter Behinderung.

Weltweit wird jedes 800. Kind mit dem Down-Syndrom geboren, früher diskriminierend Mongolismus genannt. Beim Down-Syndrom ist das 21. Chromosom dreimal statt zweimal vorhanden, daher auch die Bezeichnung Trisomie 21. Zum Welt-Down-Syndrom-Tag weist der hannoversche Verein darauf hin, dass Eltern mit einem behinderten Kind nicht allein dastünden. Sie würden umfangreiche Unterstützung durch den Staat und entsprechende Organisationen wie spezifische Elterngruppen, Aktion Mensch oder die Lebenshilfe erhalten. Ethikerin Dr. Sigrid Graumann macht darauf aufmerksam, dass in der Gesellschaft oft noch ein falsches Bild herumschwirre. „Die verbreitete Angst vor einem Kind mit Down-Syndrom beruht nämlich weniger auf der Erfahrung von Familien, die ein Kind mit Down-Syndrom haben, als auf einem gesellschaftlichen Mythos, der allerdings ausgesprochen wirkungsvoll ist.“

19.10.2017 - Armin Rohde unterstützt Miteinanders-Tage 2017

Hannoversche Vereine bieten auch dieses Jahr vielfältigen Aktionsreigen

 

„Menschen mit Behinderung sollen uneingeschränkten Zugang zu Bildung, Kultur, Information und unabhängiger Beratung haben“, fordert die gemeinnützige Beratungsinstanz „Mittendrin“ – und wird dabei lautstark unterstützt vom Verein „Down Syndrom Hannover“. Gemeinsam präsentieren die beiden Initiativen auch 2017 die Miteinanders-Tage. Unterstützt werden sie dabei von Schauspielstar Armin Rohde. Der berühmte Mime meint, dass es noch immer zu viele Vorurteile gegenüber Menschen mit Down-Syndrom gäbe. "Ich ertrage es nicht, wenn Menschen für das, was sie sind, ob es nun eine Behinderung oder auch die Hautfarbe ist, ausgegrenzt werden“, betont er „Das schmerzt tief in meiner Seele.“ Jedes Mal, wenn er Menschen mit Down Syndrom begegne, habe er den Eindruck, „dass sie einen ganz besonderen Zugang zum Leben haben, für den ich sie beneide, eine beeindruckende Mischung aus großer Direktheit und Neugier sowie einem feinen Sinn für Theatralik“.

 

Rohde ist von der erfolgreichen Veranstaltungsreihe im Herbst mit jährlich mehreren hundert Besuchern überzeugt. Er habe Männer und Frauen, Mädchen und Jungen mit Down-Syndrom als unglaublich charismatische Menschen kennengelernt.

 

„Wir wollen den Blick auf die Inklusion und die Kinder von heute richten“, betont die Vorsitzende des Vereins „Down-Syndrom Hannover“, Tanja Zurek. Von der Inklusion profitierten nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern die gesamte Gesellschaft. Inklusion sei kein Expertenthema, „sondern geht uns alle an“.

 

Mit dem Markt der Möglichkeiten im Haus der Region startet am Sonnabend, 21. Oktober, 15 bis 18 Uhr, der Aktionsreigen für Menschen mit und ohne Beeinträchtigung. Sozialdezernent Erwin Jordan eröffnet den bunten Nachmittag, der geprägt sein wird von zahlreichen Informationen an inklusiven Ausstellungsständen, von Musik, Tanz, einer Tombola, den Experimentierstationen von Lili & Claudius und einem integriertem Café mit leckerem Kuchen. Die Fotografin Jenny Klestil macht auf Wunsch Kinderfotos im Rahmen des Projekts „Glück kennt keine Behinderung“. Besondere Augenblicke - eingefangen von einer Künstlerin, die mitten ins Herz guckt. Für die Kinderbetreuung ist an diesem Nachmittag gesorgt.

 

Am darauffolgenden Montag, am 23. Oktober, 19.30 Uhr, geht’s weiter im Programm mit dem Vortrag „Fit for life!“. Cora Halder vom Down-Syndrom Infocenter in Nürnberg referiert in der Alice-Salomon-Schule über Modelle, die zeigen, wie Eltern ihren Sohn oder ihre Tochter mit Beeinträchtigung aufs Erwachsenenleben vorbereiten können. Der Eintritt ist frei.

 

Journalistin Mareice Kaiser – bekannt als Buchautorin und Verfasserin des Blogs Kaiserinnenreich – ist am Freitag, 27. Oktober, im Kulturzentrum Pavillon zu Gast. Sie liest aus ihrem Buch „Alles inklusive“ von der Unplanbarkeit des Lebens, vom Alltag zwischen Krankenhaus und Kita, von ungewollten Rechtfertigungen, dummen Sprüchen, stereotypen Rollenverteilungen, bürokratischem Irrsinn und schwierigen

Gewissensfragen. Die Lesung beginnt um 19.30 Uhr. Eintritt: fünf  Euro zuzüglich Vorverkaufsgebühren, Abendkasse: acht Euro.

 

„Die fromme Helene – oder: Wer Sorgen hat, hat auch Likör“ heißt es am Sonnabend, 28. Oktober ab 17 Uhr  im Inklusiven Café Anna Blume. Axel LaDeur zitiert die „Fromme Helene“ von Wilhelm Busch und wird dabei musikalisch begleitet vom hannoverschen Quartett „Die Fagottiere“. Eintritt: fünfzehn Euro, ermäßigt zwölf Euro.

 

Zum Familiengottesdienst „Gut behütet“ am Sonntag, 29. Oktober, 11 Uhr, laden die Veranstalter in die Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Martin, (Kirchstraße19) ein.

Pastorin Kerstin Häusler gestaltet gemeinsam mit Aktiven aus den Vereinen den Gottesdienst im Rahmen der Miteinanders-Tage. Im Anschluss ist ein Picknick im Gemeindehaus geplant.

 

Professorin Etta Wilken fungiert als Gastreferentin am Freitag, 3. November, 19.30 Uhr, in der Alice-Salomon-Schule. Sie ist unter anderem Expertin für „Sprachförderung von Kindern mit Down-Syndrom im Vorschulalter“ und zeigt Beispiele aus der Praxis, welche Wege für Kinder mit Trisomie 21 besonders geeignet sind, um Sprachübungen zu verfeinern.

 

Die zweite konzertante Lesung im Inklusiven Café Anna Blume findet am Sonnabend, 11. November, 15 Uhr, statt. Marie-Madleine Krause wird aus dem Tagebuch der Anne

Frank lesen, unterlegt mit der Filmmusik von Schindlers Liste, einfühlsam gespielt von Roland Baumgarte am Cello und Andreas Schmidt-Adolf am Klavier.

 

Ebenfalls in der Alice-Salomon-Schule sind Vortrag und Workshop „Trisomie 21 und Mathematik“ am Sonnabend, 18. November, angesagt. Zwischen 10 und 13 Uhr erläutert Torben Rieckmann von der Universität Hamburg, welche spezifischen Lernschwierigkeiten Menschen mit Down-Syndrom haben und wie man ihnen begegnen kann. Im anschließenden Workshop lernen die Teilnehmer, wie sich mit Hilfe der App mathildr mathematische Inhalte erfolgreich vermitteln lassen. Anmeldung: unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. Der Eintritt ist frei.

 

26.09.2017 - „Eltern mit besonderen Herausforderungen werden oft allein gelassen“

MOKI begleitet Familien mit schwerstbehinderten und schwerkranken Kindern

Das Leben mit einem schwerbehinderten Kind – Annette Seydlitz weiß, was das bedeutet, wusste es aber lange Zeit nicht. Die Diagnose 1999, dass ihr Sohn sehr schwer erkrankt sei und immer beeinträchtigt sein würde, wirft sie zunächst mal aus der Bahn. Die Hannoveranerin macht sich auf die Suche nach Hilfsangeboten und Beistand außerhalb bürokratischer Abläufe und therapeutischer Unterstützung für das Kind. Und findet: nichts. Für die engagierte Familientherapeutin Anlass genug, ein eigenes Konzept zu erstellen - für die Begleitung und Beratung von Eltern, deren Kinder schwerstbehindert oder lebensverkürzend erkrankt sind. 2011 legte sie den Grundstein für das mobile Kinder- und Jugendhospiz  in Hannover, kurz MOKI. Heute ist ihr Verein so stark gewachsen, dass ein fünfköpfiges Team psychosoziale Beratung und Begleitung für die Familien bieten kann.

Mit unermüdlichem Einsatz sorgt die Gründerin von MOKI dafür, dass sich der Verein für Eltern, Kinder und andere Familienangehörige stark machen kann. Auf eine stabile öffentliche Finanzspritze kann sie dabei nicht setzen. Sie muss mühsam Spendengelder einsammeln – immer wieder von neuem. „Die Anliegen von Eltern mit besonderen Herausforderungen fallen durchs Raster“, betont Annette Seydlitz, die in den sechs Jahren des Bestehens von MOKI zahlreiche Schicksale verfolgt und die Menschen, hinter den Geschichten, unterstützt hat.

„Die Behinderung eines Kindes wirkt sich auf die ganze Familie aus“, weiß sie. Ein behindertes Kind zu haben bestimme über weite Strecken das Leben von Eltern und Geschwistern. Für sie gäbe es keine Lobby. Auch für die Kinder nicht, die mit schwersten, oft nicht klar diagnostizierten Behinderungen oder nicht heilbaren Krankheiten leben müssten. „Zu 80 Prozent besuchen wir die Familien in ihren eigenen vier Wänden oder begleiten sie bei Behördengängen.“ Denn nicht nur die emotionale Unterstützung sei wichtig im Aufgabenfeld des MOKI-Teams, sondern auch die bürokratischen Antworten auf vielfältigste Fragen, meint die Fachfrau. „So bunt wie das Leben ist – so sind auch die Fragestellungen.“

Wie schaffe ich den Alltag? Wie komme ich dahin zu verkraften, dass mein Kind behindert oder schwer erkrankt ist? Welche Rechte und Ansprüche habe ich bei der Unterstützung? – das sei nur eine kleine Auswahl an Fragestellungen, mit denen sich die gut geschulten Therapeutinnen und Pädagoginnen beschäftigen. Viele Eltern, die zuhause ein behindertes Kind pflegen, würden ihre rechtlichen Möglichkeiten nicht ausschöpfen. Seydlitz: „Wir sind an der Seite der Familien.“ Wo andere Bekannte vielleicht abspringen, weil sie sich mit der Situation überfordert fühlen, sind die MOKI-Powerfrauen zur Stelle. Sie nennen das selbst professionelle Beziehungssicherheit. Und so nüchtern, wie sich dieser Begriff anhört, so meinen sie es nicht. „Die Gefühle stehen bei uns im Mittelpunkt“, betont Seydlitz. So würden sie und ihre Kolleginnen emotional die Mütter von behinderten Kindern unterstützen, die bewusst keine pränatale Diagnostik in Anspruch genommen oder sich nach Vorliegen eines positiven Befunds für das Austragen des Kindes entschieden haben. Diese Mamas würden zunehmend in eine Rechtfertigungsposition gedrängt, weil ‚so etwas‘ doch heute nicht mehr sein müsse. Verantwortlich dafür sei die Zunahme der pränatalen Diagnostik, die den Eindruck erwecke, dass Behinderungen nicht in und zur Gesellschaft gehörten. Einseitige Darstellungen der Defizite würden zum Wahrnehmungsfilter und Problemwirklichkeiten schaffen, die sich nicht unmittelbar aus der Interaktion mit dem Kind herleiten ließen.

„Wir wollen die Familien stärken“, fasst Seydlitz überzeugend den Hintergrund ihrer Initiative zusammen. So auch bei den Elterngruppen im pittoresken Domizil von MOKI in der Ehrhartstraße 4A in Ahlem. Neben Einzelberatung, Elternberatung, Krisenintervention und Trauerbegleitung gibt es bei der Initiative regelmäßige Treffen, in denen sich Eltern austauschen und gegenseitig unterstützen können. Auch ein eigenes Projekt für Geschwisterkinder hat MOKI bereits gestartet.  „Wer bei uns landet, der ist auch willkommen“. Termine gibt es nach Vereinbarung (Telefon: 0511/772221, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!). Innerhalb von 48 Stunden, versprechen die Mitarbeiter, würden sie sich bei den betroffenen Familien melden.

Mit einem Informationsstand ist Annette Seydlitz am Freitag, 27. Oktober, im Pavillon vor Ort, wenn Mareice Kaiser aus ihrem Buch „Alles inklusive“ liest. Die Autorin des Kaiserinnenreichs im Internet und Journalistin war Mutter einer Tochter mit Behinderung. Vier Jahre lang durfte sie ihr wunderbares kleines Mädchen mit einer seltenen Beeinträchtigung begleiten. In ihrem Buch „Alles inklusive“ erzählt sie von der Unplanbarkeit des Lebens, vom Alltag zwischen Krankenhaus und Kita, von ungewollten Rechtfertigungen, dummen Sprüchen, stereotypen Rollenverteilungen, bürokratischem Irrsinn und schwierigen Gewissensfragen. Ihre Tochter starb im Alter von vier Jahren. Das Netz trauerte. Nicht nur als Bloggerin setzt sich Mareice Kaiser dafür ein, dass behinderte Kinder mehr sein dürfen als Diagnosen - und Eltern mehr als Pflegekräfte. Im Rahmen der Miteinanders-Tage 2017 ist sie Gast der Vereine „Mittendrin“ und „Down-Syndrom Hannover“. Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr, Einlass ist ab 19 Uhr.  Eintritt: fünf Euro zuzüglich Vorverkaufsgebühren, Abendkasse: acht Euro.

26.09.2017 - Glücksmomente mit einem Chromosom mehr

Schlagzeuger mit Trisomie 21 gibt in hannoverscher Band den Ton an

Ihr Bandname ist Programm: Glücksmomente wollen selbige bescheren – und die dreiköpfige Band schafft’s auch, dem Zuhörer im Gleichklang ihrer Musik wohlige Schauer über den Rücken laufen zu lassen.  Popsongs aller Bourani und Co. servieren die Jungs im heimischen Keller des Bandleaders in Hannover. Dario Dee gibt mit seinen Drumsticks den Takt an. Der 21-jährige ist voll konzentriert und signalisiert Sänger Seyyid B.T. wie Gitarrist DaRed Mike das Startzeichen. „Kopf verloren“ steht jetzt auf dem Programm – ein Song, den Schlagzeuger Dario Dee selbst geschrieben hat. Ein Stück – ruhig und melancholisch wie bei Bourani. Ein Stück wie es in ähnlicher Form in anderen Nachwuchsbands auch im Repertoire sein könnte. Und doch anders. Weil es geschrieben wurde von einem jungen Mann mit Down-Syndrom, einem Mann mit einem Chromosom mehr als es der Durchschnittsmensch hat, einem Mann, den die Gesellschaft gern mal in die Schublade steckt als geistig behindert und wenig produktiv.

Dario Dee hat hehre Ziele; in der TUI-Arena würde er gern mal mit Glücksmomente auftreten, vielleicht sogar als Vorband von Bourani. Träume, die auch andere junge Leute hegen. Die Trisomie 21 – wie das Down-Syndrom ebenfalls bezeichnet wird – hindert ihn nicht in seinem Ehrgeiz. Er möchte ganz oben mitspielen, mit den Großen im Geschäft auf einer Bühne stehen. Der 22- jährige Seyyid B.T. holt ihn dann gern auf den Boden der Tatsachen zurück. „Wir machen Musik – und das ist gut so.“ Der Band gehe es vor allem um das Vergnügen bei der Sache, vom Niveau her ordne er das Trio eher in die Riege anderer Nachwuchsbands in Hannover ein, die auch gern mal auf Festivals, Schulfesten und ähnlichen kleinen Veranstaltungen spielen würden.

„Wir arbeiten gerade daran, zehn Songs am Stück in guter Form präsentieren zu können“, betont der 22-jährige, der derzeit eine Ausbildung zum Ergotherapeuten absolviert. Unterstützt wird er dabei von DaRed Mike, der wie er vor ein paar Jahren als Nachhilfelehrer und Begleiter für Dario Dee zu der Familie in Hannover gekommen ist. Heute habe sich eine dicke Freundschaft zwischen allen dreien entwickelt. „Dass wir bei unseren Treffen Spaß haben – das ist das Wichtigste“, meint der 23-jährige, der eine Ausbildung zum psychotherapeutischen Heilpraktiker anstrebt.

„Unser Stil hat einfach nur mit Glück zu tun“, will es Dario Dee, der im Alltag eine Berufsschule in Bremen besucht, auf den Punkt bringen. So sei es auch zu dem Bandnamen gekommen. Rockballaden von den Beatles, Mainstream-Songs á la Giesinger und Foster – die Musiker zeigen sich vielfältig und haben eben auch eigene Songs im Gepäck. Zum Beispiel bei ihrem Auftritt beim Markt der Möglichkeiten am 21. Oktober im Haus der Region. Die Vereine „Mittendrin“ und „Down-Syndrom Hannover“ eröffnen mit der vielfältigen Informationsbörse zum siebten Mal die erfolgreichen Miteinanders-Tage im Herbst.

Aussteller aus den verschiedensten Bereichen prägen den Informationstreff rund um Inklusion. Um 15 Uhr gibt Sozialdezernent Erwin Jordan das Startzeichen für den Markt der Zukunftsideen mit Cafeteria und Co. Das bunte Programm darf natürlich nicht fehlen in der Veranstaltungskulisse in der Hildesheimer Straße 18. Mit von der Partie sind nicht nur die Jungs der inklusiven Band Glücksmomente, sondern auch kleine Künstler aus der Otfried-Preußler-Schule sowie Lili & Claudius, die an spannenden Experimentierstationen die Wunder der Natur spielerisch erklären. Ausprobieren ist hier ausdrücklich erwünscht. Attraktive Preise gibt’s zu gewinnen bei der Tombola zugunsten der Vereinsarbeit der Veranstalter. Und: Erstmalig bietet Jenny Klestil, Fotografin für das Projekt „Glück kennt keine Behinderung“, ein besonderes Shooting für Familien an. So viel Glück im Titel der Veranstaltung, da ist es nur es nur folgerichtig, dass die Rock- und Popgruppe mit eben diesem vielversprechenden Substantiv im Bandnamen „ein Hoch auf dieses Leben“ á la Bourani ausbringt.